review: Sieh mich an – Mareike Krügel

Hej,

nach langer Zeit gibt es endlich mal wieder einen Roman. Ich bin ja immer total im Krimi- und Thrillerfieber, dass ich mich ewig nur in diesem Genre bewegen könnte. Aber der Klappentext und die Leseprobe hatten mich total neugierig auf das Buch gemacht.

„Wie konnte ich glauben, dass so was wie ein normales Wochenende überhaupt möglich ist, wenn ich etwas weiß, was sie nicht wissen?“

Weil Katharina eine folgenreiche Entdeckung gemacht hat, ist für sie nichts mehr, wie es war. Trotzdem läuft ihr ganz alltäglicher Wahnsinn weiter. Doch wie lange soll sie ihr Geheimnis für sich behalten? Denn plötzlich steht einfach alles auf dem Spiel: ihre Ehe, die Familie, das ganze Leben.

Mir war bewusst, dass es sich bei dem Buch inhaltlich um Krebs drehen würde. Ich war komplett darauf vorbereitet, denn ‚Krebsbücher‘ verleiten meine Tränendrüsen immer zur Überproduktion. Ich war bestens vorbereitet und am Ende kam es ganz anders. Es war eine komplett andere Art über ein ‚Tabu-Thema‘ zu sprechen, als ich es bisher gewohnt war.

Protagonistin in diesem Roman von Mareike Krügel ist Katharina Theodoroulakis – alleine der Nachname stellte mich schon vor die erste Herausforderung 🙂 Katharina ist Mutter von zwei Kindern, Alex und Helli und Ehefrau ihres hart arbeitenden Mannes Costas. Katharina ist unglaublich witzig und charmant – hat Musik studiert und hängt nun in Kindergärten herum, um musikalische Früherziehung anzubieten. Bis zu dem Tag, als sie das ‚Etwas‘ in ihrer Brust fand, war alles soweit in Ordnung. Plötzlich steht ihr ganzes Leben Kopf. Sie begreift, was sie für ihre Familie ist und was ihre Familie ohne sie wäre. Aber eben nicht auf die traurige Art, sondern auf eine wundervolle Art – die jedem seine Besonderheiten zugesteht.
Mit Katharina ist Mareike Krügel ein toller Charakter gelungen. Durch ihr Musikstudium hat sie einen – für mich zu starken – Hang zur klassischen Musik, welcher im Buch relativ häufig Erwähnung findet. Ansonsten ist sie unglaublich schlagfertig, witzig und eine sehr taffe Frau. Mit Katharina kommt man in diesem Buch sehr eng in Berührung, da es aus ihrer Perspektive geschrieben ist. Der Schreibstil Krügels ist leicht und emotionsgeladen – jedes Wort ein Treffer.

Alex, Helli, Theo und Heinz (das schwule Paar von nebenan) und auch Killian (ein alter Jugendfreund) lernt man nur nebenbei kennen. Alle sehr sympathisch, auf ihrer jeweils eigene Art. Am Besten gefielen mir Theo und Heinz – allein ihre Story und die Erlebnisse mit ihnen in diesem kurzen Buch sind schon so viele Lacher wert. Alex, Kathas Sohn, war für mich sehr gesichtslos und aalglatt. Er kam auch nicht allzu vor, viel mehr Platz nahm Tochter Helli ein. Diagnostiziert mit ADHS und unberechenbar, bildete sie das Gegenteil zu ihrem Bruder. Immer war etwas mit ihr, immer sprengte sie den Rahmen. Auf der einen Seite sorgte sie für Unterhaltung, auf der anderen Seite strapazierte sie meine Nerven ganz schön. Killian, Kathas alter WG-Mitbewohner zur Studienzeit, brachte die Katharina ohne Kinder hervor. Leicht, witzig, gackernd – ohne ihn wäre die Geschichte langweilig gewesen, weil diese – sehr menschliche – Facette von Katharina gefehlt hätte. Es ist wunderbar, wie jeder Charakter im Buch eine andere Seite an ihr zum Vorschein bringt.

Irgendwann während des Lesens fiel mir auf – weil es erwähnt wurde – dass es sich bei dem Buch um einen einzigen Tag in Katharinas Leben handelt. Gespikt von vielen Rückblenden in verschiedene Abschnitte ihres Lebens – aber es ist nur ein verrückter Tag ihres Familienlebens, das gefiel mir sehr gut und das hatte ich so auch noch nie gelesen. Und dieser Tag war auch wirklich rasant: Auftritt und Flucht aus der Schule, Hetzjagd auf Pferden, Daumen im Vorgarten suchen, brennenden Trockner löschen, Ratten fangen bei Minusgraden und eine alkoholisierte Fahrt in die Hauptstadt. Alles an einem Tag – ein bisschen überspitzt, aber warum nicht.

 

Das Buch hatte keine gerahmte Umgebung, es war eher ein ‚Gefühlsbuch‘. Die Umgebung rückte eher in den Hintergrund. Zwischendrin merkte man immer mal, dass es sich um den Norden handelt – quasi ein bisschen Heimat. Aber ansonsten wanderte man durch Katharinas Gedanken- und Gefühlswelt, mit vielen kleinen Haltestellen.
Ich bin ehrlich: besonders genervt war ich von dem Beziehungsdrama zu Ehemann Costas. Es schwirrten so viele Probleme und Missverständnisse im Raum, die mit ein paar klärenden Worten aus der Welt geschafft werden könnten. Und der Nachrichtenaustausch der Beiden war für mich sehr kindisch. Beide schmollen und sind  nachtragend, bis zu einem gewissen Punkt, ab dem alles wieder in Ordnung war. Das konnte ich nicht nachvollziehen und diese Passagen haben mich wirklich gestört.

Im Endeffekt hat mir das Buch sehr gefallen, weil es eben kein klassisches ‚Krankheitsbuch‘ war. Es war witzig, einladend und vielleicht ging es dadurch auch einfach anders ans Herz. Helli und Costas strapazierten meine Nerven zwar und für die Beiden gibt es Minuspunkte, denn die passten für mich zwischendurch so gar nicht rein, oder verhielten sich teilweise zu stark in die Gegenrichtung von Katharina, dass sie immer wie eine Ablenkung auf Abruf wirkten. Dennoch würde ich es weiterempfehlen – weil es eine schöne Reise in die Gedanken und Gefühle einer Frau ist, die sich darauf vorbereitet eine der schlimmsten Krankheiten in ihr Leben und ihre Familie zu lassen. Eine Frau, die versucht ein Wochenende nochmal als normale Mutter zu erleben, von ihren Gefühlen jedoch überrollt wird und sie sich fragt, ob alles so ist, wie es sein soll oder ob sie es noch ändern kann. Dieses Buch offenbart einem, dass es völlig in Ordnung ist, man selbst zu sein und zu bleiben.

Und zum Cover: ihr kennt mich ja. Da ist ein Fuchs drauf! 🙂

Sieh mich an – Mareike Krügel – Piper Verlag – Hardcover  – 20,00 € – 256 Seiten

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