review – Totenrausch: Bernhard Aichner

Hej.

Ich stöbere wieder viel und vor allem aktiv bei Vorablesen.de, das habe ich die letzten Monate ganz schön schleifen lassen. Ich habe meine Freizeit allgemein sehr schleifen lassen. Es geht immer nur um Arbeit, Nebenjob und Uni. Das macht krank – physisch, wie psychisch. Deshalb habe ich mir für 2017 vorgenommen, wieder mehr für mich zu machen – d.h unteranderem mehr lesen.

So zog am Montag ‚Totenrausch‘ bei mir ein und wurde am Mittwoch beendet 🙂 Unter dem Titel hatte ich mir gar nicht so viel vorgestellt und war auch ein bisschen enttäuscht, weil ich mich auch für ein zweites Buch beworben hatte und das eher mein Favorit war. Im Nachhinein bereue ich den Gedanken, weil ich ‚Totenrausch‘ klasse fand.

Die Frau, die in das Büro eines Hamburger Zuhälters stürmt, ist verzweifelt. „Ich brauche Pässe für mich und meine zwei Kinder.“ sagt sie. Und:“Wenn du mir hilfst, werde ich jemanden für dich töten.“

Ich habe ein Händchen für Fortsetzungen, deshalb handelt es sich bei dem Buch um das Finale einer Trilogie. Das Buch dreht sich um Brünhilde Blum – im Buch nur Blum genannt. Sie hat schreckliche Dinge getan und muss mit ihren Kindern die Flucht antreten. Zuerst im Ausland, verschlägt es sie nach Hamburg. Über etliche Ecken erfährt sie von jemanden, der ihr helfen kann. Sie braucht Pässe, um ein neues Leben zu beginnen, in das Alte kann sie nicht zurück. Und ausgerechnet die Zuhältergröße – König der Nutten – Egon Schiele soll ihr dabei helfen. Blum fordert und macht ihm ein Angebot. Sie begibt sich in eine Welt, dessen Gefahren sie nicht einschätzen kann. Anfangs ist alles rosig – nicht greifbar, zu schön um wahr zu sein. Friedlich, normal – es kehrt Ruhe ein. Doch dann steht Schiele vor der Tür und fordert die Einlösung ihres Angebotes.

Ich bin noch immer fasziniert von Aichners Schreibstil. So locker, flockig und dennoch so einvernehmend, dass die Seiten wie im Flug an einem vorbeirauschen. Er wirft ein paar Buchstaben hin und man liest sie gierig weg, wird angefixt – süchtig gemacht. Und dann kann man nicht aufhören. Lediglich der Schlaf zwingt einen dazu, dieses Buch beiseite zu legen. Auch wenn Aichner die Szenen nicht grandios und pompös ausschmückt, sind sie in ihrer Wirkung nicht zu verachten. Nicht umsonst heißt es: weniger ist mehr. Das Buch durchzieht eine angespannte Stimmung – die durch den harschen Ton, der dort herrscht, zusätzlich gestärkt wird. Man fühlt sich wie auf dem Kiez – Reeperbahn, Nutten, gescheiterte Existenzen, Notlagen, dreckiges Geld. All das spürt man, auch wenn Aichner Egon Schiele anfangs als charmanten Gönner darstellt.

Blum ist eine taffe Frau, die ihre Kinder schützen will. Sie versucht ihnen ein normales Leben zu ermöglichen. Sie sollen nicht wegen ihrer Fehler leiden. Deshalb nimmt sie vieles in Kauf. Demütigungen, Erniedrigungen, Angst, Schmerz und körperliche Hochleistungen. Eine harte Frau (Bestatterin – sie hat schon so einiges gesehen), die für ihre Kinder alles tut und über Leichen geht – im wahrsten Sinne des Wortes. Totenrausch bekam für mich somit nach ein paar Kapiteln eine eindeutige  Bedeutung. Schiele fand ich ein bisschen zu übertrieben. Nicht, dass ich mich hier in meiner Heimat super gut auf dem Kiez und in der Prostitutionsszene auskenne, aber es war schon sehr filmreif, was der gute Schiele dort ablieferte. Aber ich weiß auch nicht, wie es dort im echten Leben zugeht.

Aichner hat ein tollen Thriller mit viel roher Kraft (die nicht sinnlos waltet) und einer wütenden Mutter auf Papier gebracht. Eine Menge anzüglich und raues Vokabular muss der Leser hier aushalten können, denn auf dem Kiez haben ‚Bienchen und Blümchen‘ nichts zu suchen.

Den Teil kann man unabhängig von den ersten beiden Büchern lesen, denn Aichner gibt immer wieder ein paar kleine Rückblenden. Wer allerdings lieber chronologisch liest und das Ende nicht vorher wissen will, der sollte erst die anderen beiden Teile lesen 🙂 Ich lese sie nachträglich, das finde ich persönlich nicht allzu schlimm. Von mir gibt es für dieses Buch die volle Leseempfehlung! Trotz kleiner Abstriche in der ‚Beseitigungsspalte‘ 😀 Etwas unrealistisch und penibel kamen mir die Reinigungsarbeiten vor. Aber was weiß ich von Tatortbereinigungen.

Ich möchte euch das Buch “nackig‘ nicht vorenthalten. Es fühlte sich ohne den Schutzumschlag sehr gut an und sah natürlich auch schick aus. Die Kapitel und Seitenzahlen waren hier mal andersfarbig 🙂 Etwas anderes. Vom Auspacken, zum Lesen, zum Nackig-machen 🙂 Durchweg ein tolles Werk!

Details: Bernhard Aichner – Totenrausch * 480 Seiten * Hardcover – 19,99 * btb Verlag * erhältlich seit: 09.01.2017

 

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